Marie-Luise Schultze-Jahn (1918 - 2010)
Am 22. Juni 2010 verstarb Marie-Luise Schultze-Jahn nach längerer Krankheit in Bad Tölz im Alter von 92 Jahren. Sie war viele Jahre der IJB Dachau eng verbunden. Marie-Luise war nicht nur seit vielen Jahren unermüdlich als Zeitzeugin auf der Internationalen Jugendbegegnung tätig. Sie war für alle, die sie kennenlernen durften – Jugendliche und Erwachsene – ein Vorbild für das Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung.
Wir werden sie sehr vermissen.

Mit folgenden Worten haben sich das Team und die Träger der IJB Dachau auf der Beerdigung am 02. Juli 2010 von Marie-Luise verabschiedet.
Nachruf für Marie Luise-Schultze-Jahn
Die Internationale Jugendbegegnung in Dachau trauert um Marie-Luise Schultze-Jahn.

Seit vielen Jahren war Marie-Luise jeden Sommer als Zeitzeugin bei unserer Jugendbegegnung in Dachau aktiv.

Es war nie schwierig, jemanden zu finden, der sich auf den Weg machte, Marie-Luise in ihrer Wohnung in Bad Tölz abzuholen. Ihre Wohnung, in der sie ihre Geschichte sorgsam aufbewahrte. In der überall Papiere, Dokumente feinsäuberlich in Stapeln geordnet waren, die ihre und die Geschichte der Weißen Rose widerspiegelten. Ihr Vermächtnis, das sie mit auf die kurze Reise nach Dachau nahm, um den Teilnehmern und Teamern der Jugendbegegnung einen Einblick zu geben in ihre Lebensgeschichte – und auf Grund ihrer ihr ganz eigenen Bescheidenheit –die Geschichte aller Mitglieder der Weißen Rose. Die Fahrt selbst war geprägt von Gesprächen – über die Vergangenheit aber noch viel mehr über die Gegenwart. Wehe dem, der nicht Zeitung gelesen hatte. Marie-Luise wollte reden. Reden über die aktuelle Politik, über unsere Meinung zu alltäglichen Ungerechtigkeiten, über unsere Ansätze, die Welt zu einer besseren zu machen.

Sie war interessiert an den jungen Menschen, die bei internationalen Jugendbegegnung zusammenkamen. Menschen aus aller Welt, Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, unterschiedlicher Religion, unterschiedlicher Staatsangehörigkeit. Sie kam nicht nur kurz vorbei um ihre Geschichte zu erzählen, sondern sie wollte auch dabei sein, wenn die jungen Menschen beisammen saßen. Sie wollte nicht nur reden, sondern sehr genau zuhören, wollte wissen, wie ihre Zuhörer lebten, was sie dachten, was für sie wichtig war. Oft saß sie noch spät abends bei einem Glas Wein im Jugendgästehaus in Dachau. Sie wollte nichts versäumen von der Begegnung mit den jungen Leuten.

Und so mussten wir sie spätnachts oft überreden, zurück in ihr Zimmer zu gehen und sich auszuruhen, um einen weiteren Tag mit uns zu verbringen. Vier Tage Jugendbegegnung müssen für sie gerade in der letzten Zeit einen immensen Kraftaufwand bedeutet haben – zu spüren war davon aber fast nichts. Frühmorgens saß sie beim Frühstück, rauchte die eine Zigarette, die sie sich täglich gönnte, las Zeitung und verwickelte die Anwesenden bereits wieder in Gespräche. Marie-Luise verstummte selten – und war doch die aufmerksamste Gesprächspartnerin, die man sich wünschen konnte.

Marie-Luise sprach ohne große Emotionen, wenn sie ihre Geschichte erzählte. Aber ihr brennendes Herz war zu spüren. Wachsein sollten die, die ihr zuhörten. Wachsein gegen über denen, die die Vergangenheit schön redeten, die verharmlosten, was Zeitzeugen erzählten. Ihr Bild vom Menschen, ihr Bild vom Zusammenleben , das waren nicht nur Gedanken, Illusionen. Das hat sie verteidigt in einer Zeit, in der Menschen nur etwas wert waren, wenn sie zum richtigen Volk, zur richtigen Rasse, zur richtigen Gesinnung gehörten. Sie hat ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Ob sie Angst gehabt hat beim Verteilen der Flugblätter? Sicher! Aber sie war gegen die Diktatur der Nationalsozialisten und war dafür auch bereit, etwas zu riskieren! Freilich, was die jungen Menschen von ihr hörten, war Vergangenheit, aber es war ein Bericht aus einem gelebten Leben. Keine Geschichtsdaten, sondern: Ein Mensch sagt Ich und steht zu diesem Ich. Ist authentisch.
Keiner sollte aus Dachau weggehen, ohne nicht gespürt zu haben, wie wichtig es ist, einander beim Menschsein zu helfen.

Und all das war geprägt von einer unglaublichen Bescheidenheit. Fast einer Zurückstellung des eigenen Wirkens im Vergleich zu anderen Widerstandskämpfern. Nie stellte sie sich in den Mittelpunkt, vielmehr sah sie sich als Teil eines Ganzen. Einer Gruppe von Menschen, die nicht wegsehen wollte. Auf ihre eigene Rolle angesprochen, zuckte sie meist nur mit den Achseln und dann folgte ein „Naja, was hätte ich denn sonst machen sollen?“. Widerstand war für sie selbstverständlich – und für diejenigen, die ihr zuhörten, ergab sich vor allem eine Schlussfolgerung: Jeder Mensch hat eine Wahl. Die Wahl mitzumachen oder sich gegen Ungerechtigkeiten zu stellen. Mit allen Konsequenzen, die daraus erfolgen können. Marie-Luise war eine starke Frau, die ihren Weg gegangen ist. Auch darin ist sie uns ein Vorbild gewesen. Eine starke Frau, die bei aller Ernsthaftigkeit immer diesen gewissen Schalk in den Augen hatte. Die mit einem Schuss Ironie jedes Eis brechen konnte.

Ihr Vermächtnis an uns? Die Jugendbegegnung ist ärmer geworden ohne Marie-Luise, ohne ihr Erzählen, ohne ihre Fragen, ohne ihre Liebe zu den Menschen dort. Wir sind glücklich, dass wir einen Film mit ihr haben, dass es Bilder gibt, auf denen sie zu sehen ist. Und niemand kann uns unsere Erinnerungen nehmen. Wir haben sie vor Augen. Wir werden diese Erinnerungen pflegen. Und eingeschlossen in die Erinnerungen an sie ist auch das Gedenken an Hans Leipelt.

Marie-Luise hat uns aber nicht nur ihre Geschichte erzählt. Sie hat uns jedes Jahr wieder vor Augen geführt, wie unglaublich wichtig die Begegnung ist. Die Begegnung von Menschen unterschiedlichster Herkunft. Wie wichtig ein Gespräch sein kann. Und dass eine unterschiedliche Herangehensweise oder unterschiedliche Meinungen nicht unbedingt bedeuten müssen, dass ein gemeinsames Ziel nicht möglich ist. Sie hat uns gelehrt, dass auf einander zu zugehen die richtige Wahl ist. Immer.

Von Marie-Luise haben wir gelernt, wie wichtig Erinnern ist. Dass es keine Lebensjahre gibt, die man vergessen oder wegwerfen kann. Mögen sie noch so schmerzhaft gewesen sein. Wir haben es als Privileg erlebt, dass sie uns ihre Erinnerungen, den Schmerz und die Traurigkeit mitgeteilt hat. Dass sie uns zu Zeugen eines wichtigen Teils ihres Lebens gemacht hat. Mit ihrer offenen Art war sie uns ein Beispiel dafür, dass Erinnern nicht lähmt, sondern wachsam macht und Kraft und Mut zum Leben schaffen kann.


Die Internationale Jugendbegegnung in Dachau mit ihren Trägern und dem gesamten Team trauert um Marie-Luise Schultze-Jahn.

(Nicole Schneider und Gisela Joelsen für dsa Team und die Träger der IJB Dachau)


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